Lebenskünstler*in sein

 

Alles soll wieder normal sein,

 

ich will mein altes Leben zurückhaben-

 

ja, es ist eine herausfordernde Zeit, Klima Krise, schwere Überschwemmungen in Neustadt Aisch und Westdeutschland. Die Coronakrise will einfach nicht aufhören, Experten diskutieren schon wieder über die vierte Welle. Echt schlimme Nachrichten non Stopp – was ich dann in mir spüre ist eine gewisse Müdigkeit, Angst, das könnte mir auch passieren, Überforderung und eine Genervtheit: ich will mein altes Leben zurück.  Nicht dauernd funktionieren und „performen“ müssen, mich mit Problemen abkämpfen müssen.

 

In so einem Moment sich mit Lebenskunst zu beschäftigen, ist gar nicht so einfach.

 

Schon im antiken Griechenland, die Wiege von Demokratie und Humanismus, schlugen sich Philosophen mit der Kunst zu Leben herum, Philosophen wie z. B. Wilhelm Schmid und viele andere, machen sich in vielen wertvollen Büchern Gedanken zu diesem Thema. Da gibt es Literaturschätze zu entdecken.

 

Was ist eigentlich Lebenskunst, wer ist ein*e Lebenskünstler*in?

 

Was machen diese Menschen anders als wir?

 

 

 

Leben ist das, was gerade passiert, wenn wir gerade damit beschäftigt sind, andere Pläne zu machen.   John Lennon

 

 

 

Es gibt viele Negativbeispiele. Menschen, die am Leben verzweifeln und verbittern, ein Bekannter, der zu mir sagte „das mit meinem Herzklappenfehler, vor 30 Jahren, da ist mir das Leben etwas schuldig geblieben“. Er ist nie darüber hinweggekommen. -So wie „das Leben schuldet mir etwas“.

 

Viktor Frankl hätte zu diesem Menschen gesagt: Es kommt nie und nimmer darauf an. was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.

 

Was sind die Feinde der Lebenskunst?

 

Die Humorlosen, die sich und ihr Leben über die Maßen ernst nehmen, und dadurch, es sich und anderen unendlich schwer machen. Die Menschenkinder, die sich lebenslang als Opfer fühlen, und aus dem Klagen nicht herauskommen, und die Mitbewohner unseres Planeten, die in einer Haltung der Selbstverständlichkeit leben: „ich habe ein Abo, ein Recht auf…“, „das ist doch klar, dass…“. Dieser oberflächliche Blickwinkel macht jede Lebenskunst zunichte.

 

„Na ja, das ist halt eine Blume“, „das ist halt ein Film“, „da hab ich halt `ne Freundin getroffen- nicht Besonderes“. Und schon wird aus dem Anblick einer schönen Blume oder einer kostbaren Begegnung, ein bedeutungsloses Nichts.

 

Die Selbstverständlichkeit lässt alles Schöne unsichtbar werden. Wir schalten unsere Sinne aus und bekommen einen großen Teil des Lebens nicht mehr mit: Das ist doch normal, dass wir fließend Wasser haben und kein Grund zur Freude!

 

 

 

Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus

 

Marie von Ebner- Eschenbach

 

 

 

Ich durfte vielen Menschen begegnen die mit einer chronischen Krankheit auf ihre Art Lebenskünstler*in sind. Von ihnen konnte ich Demut, Lebenskunst und Dankbarkeit lernen.

 

Menschen, die hinter der Behinderung das finden, was geht und möglich ist. Die hinter den Begrenzungen und Verboten, die Nischen und Möglichkeiten entdecken. Menschen die ein erfülltes Leben haben, inmitten von Entsagungen. Menschen, die mit humorvollen Augen, mir ein Lächeln zur Begrüßung schenken.

 

Wir brauchen einen Paradigmen Wechsel, einen Wechsel der inneren Haltung, den diese Menschen schon vollzogen haben: eine Veränderung der Perspektive auf das Leben, was wirklich wichtig ist.

 

Weg von unseren materialistischen blick auf die Welt:  Geld, Ansehen, Rollen und Aufgabenlisten, weg von Leistung und Erfolg hin zum Sein.

 

Einfach Mensch sein, leben dürfen ohne Bedingungen, (mein Leben ist nur lebenswert wenn…).

 

Wir wollen Forscher werden und unser Dasein ergründen und umarmen.

 

Wir verwandeln uns dann allmählich von einem „human- doing“ zu einem „human being“.

 

In unserer Gesellschaft werden wir oft reduziert auf das was wir tun, auf unseren Beruf, auf unseren Status, auf unsere Rolle.

 

Ein Freund der viel auf Reisen war sagte mir er war in Nigeria im Bus unterwegs, und hatte viele schöne Begegnungen. Das was er als erstes gefragt wurde, war „zu welcher Kirche gehörst du?“

 

Wir sind nicht nur unser Superhirn, mit den vielen tausenden von Gedanken täglich. Wir sind voller Gefühle und Empfindungen.

 

Wie wäre es, wenn wir sagen könnten „ich empfinde und spüre, also bin ich“.

 

Auch wenn wir als human being weiterhin aktiv bleiben, tun wir Dinge in einer anderen Haltung.

 

 

 

Ich durfte so viele Menschen kennenlernen,

 

Menschen, für die Erfolg, Reichtum und Macht keinerlei Bedeutung haben.

 

Einer erzählte mir, dass sein Keller überflutete, als er im Urlaub war, sein Nachbar rief ihn an und sagte: „dein Keller ist jetzt staubfrei“

 

Menschen, aus denen das Licht ihres Herzens, ihres inneren Selbst, hindurchscheint. Die ein Leben führen im „Hier und Jetzt“ und sich ein Fünkchen Humor, eine Brise Neugierde bewahren, das sind für mich wahre Lebenskünstler*innen.

 

 

 

Wie man ein Künstler wird

 

Lass Dich fallen.

 

Lerne Schlangen zu beobachten.

 

Pflanze unmögliche Gärten.

 

Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.

 

Mache kleine Zeichen, die "ja" sagen und verteile sie überall in Deinem Haus.

 

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.

 

Freue Dich auf Träume.

 

Weine bei Kinofilmen.

 

Schaukel so hoch Du kannst bei Mondlicht.

 

Pflege verschiedene Stimmungen.

 

Verweigere Dich, verantwortlich zu sein.

 

Tu es aus Liebe.

 

Mach eine Menge Nickerchen.

 

Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Das Geld wird folgen.

 

Glaube an Zauberei. Lache eine Menge.

 

Bade im Mondlicht.

 

Träume wilde, phantasievolle Träume.

 

Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag.

 

Stell Dir vor, Du wärst verzaubert.

 

Kichere mit Kindern.

 

Höre alten Leuten zu. Öffne Dich. Tauche ein.

 

Sei frei. Preise Dich selbst.

 

Lass die Angst fallen.

 

Spiele mit allem. Unterhalte das Kind in Dir.

 

Du bist unschuldig. Baue eine Burg aus Decken.

 

Werde nass. Umarme Bäume. Schreibe Liebesbriefe.

 

Tanze so viel wie möglich.

 

von Joseph Beuys

 

 

 

In dem Gedicht von Beuys geht es um Sein,

 

keine Rolle mehr spielen müssen, nicht gut dastehen müssen. Es geht um intensives Spüren, waches Bewusstsein mit allen Sinnen mein Leben ergreifen, „Carpe diem“ in seiner ursprünglichen Bedeutung. Nicht möglichst viel in den Tag hineinstopfen, um möglichst viel zu erledigen. Sondern das Leben ergreifen, umarmen. Hingabe an das Leben, eintauchen in jeden einzelnen Moment, egal ob wir Bäume umarmen oder unmögliche Balkonkästen pflanzen.

 

 

 

In der Zeitung „die Zeit“ finden wir eine Rubrik „was mein Leben reicher macht“.

 

Hier teilen Lebenskünstler*innen mit den Lesern der Zeitung, für was sie dankbar sind, wie und auf welche Weise das Leben kostbar für sie ist, wie intensiv sie bestimmte Erlebnisse empfinden, sie teilen mit uns, was ihr Leben reicher macht.

 

Das ist eine Einladung an, uns auf die Suche zu begeben, sich in unserem Leben auf die Suche zu begeben: was macht mein Leben reicher? Was macht mein Leben kostbar? Welche Kleinigkeiten und Freuden habe ich bisher übersehen? Schreiben Sie uns was ihr Leben reicher macht!

 

„Mein Leben macht es reicher, wenn ich den Spatzen zuschauen kann, wie sie in einer Pfütze baden, tschilpen und zanken und sich über den Kopfsalat auf meiner Terrasse hermachen, den ich eigentlich heute Abend essen wollte“

 

Ich lade sie ein, Platz zu machen für die kleinen Wunder in ihrem Leben, ich lade sie ein, ihre eigene Version von der „Kunst zu leben“ zu entdecken, vielleicht schreiben sie sich selber ein Liebesbrief?

 

Ich lade sie ein, zu einem Sommer und Herbst voller verborgener Wunder!

 

Herzlichst ihre

 

Martina Dismond

 

Wie die Luft zum Atmen

 

Wie die Luft zum Leben- 

 

Mit dem Glauben Berge versetzen

 

Wiedermal war ich im Museum (Brandhorst in München) Ich sah eine Video Installation, eine außergewöhnliche Collage von verschiedenen Gospelchören und wurde mit dieser Musik und den intensiven Bildern an einen Tag zurückversetzt, den ich fast vergessen hatte: vor 33 Jahren besuchte ich in Louisville, Kentucky, als einzige „Weiße“, einen Gospelgottesdienst einer afroamerikanischen Gemeinde. Auch heute noch fällt es mir schwer, Worte für diese Erfahrung zu finden, dem Gefühl ein Fremder zu sein in einer anderen Welt und Zuschauer zu sein, in einer Menge von Menschen, die ihren Glauben mit Singen, Beten und ekstatischen Ausbrüchen bezeugten. Neben mir eine Frau, die völlig entrückt sang, da war für mich spürbar, wie nahe und heilsam spirituelle Erfahrungen sein können. Wie in einer griechischen Tragödie, kathartisch geläutert, verließen wir nach (nicht langweiligen) eineinhalb Stunden die Kirche und waren gestärkt für die kommende Woche.

 

Heute gibt es viele Vorurteile und Vorbehalte (einige zu Recht) gegen Religionen und Praxis der Kirchen, wenn in deren Namen Kriege geführt werden oder Menschen diskriminiert. Hier und jetzt will ich den heilsamen Aspekten von Religiosität und Spiritualität nachgehen.

 Es gibt unzählige Definitionen von Gott. Doch ich bete Gott nur als Wahrheit an." (Mahatma Gandhi)

 

Vor ein paar Jahren wurde ein vor 40.000 Jahren im Alb Donau Kreis gefertigte Venus Figur entdeckt, die um den Hals, wahrscheinlich als Fruchtbarkeitsritual getragen wurde. Im Südosten der Türkei steht ein 12.000 Jahre altes tonnenschweres Steinmonument- wozu?

Auch andere Fundstücke und Bauten unserer spirituellen Tradition als Mensch (Pyramiden in Südamerika oder in Ägypten, der Kölner Dom) sind tausende von Jahren alt und legen Zeugnis ab, dass wir Menschen zu jeder Zeit und in jedem Teil der Welt, Spiritualität gelebt haben und leben.

 

Spiritualität kommt aus dem Lateinischen und heißt wörtlich übersetzt „ich atme“. „Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit. Während Religiosität die Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt und die Empfindung einer transzendenten Wirklichkeit meint,[1] beinhaltet (religiöse) Spiritualität zusätzlich die bewusste Hinwendung und aktive Praktizierung einer als richtig angesehenen Religion oder Weltanschauung.“ Quelle: Wikipedia

 Für viele Völker, z. B auch im Tibet gehört gelebte Spiritualität zum Leben dazu, wie bei uns Zähne putzen.- Auch wenn China das verhindern will. Es ist wie ein Grundbedürfnis der Menschen, wie Essen, Trinken oder die Luft zum Atmen.

 

Eine Wolke beobachten, mit all dem Licht der Welt darin.

Einem Fluss folgen, der den Hügel hinabströmt.

Einen Freund mit Empfindsamkeit ansehen.

Sich selber sehen, wie man ist, ohne einen Schatten der Ablehnung.

Sich selber als Teil des Ganzen sehen.

Die Unermesslichkeit des Universums schauen.

Das ist Achtsamkeit. 

- Jiddu Krishnamurti

 

Wie konnte uns dieses Bedürfnis abhandenkommen? Heute scheint es so, brauchen wir das alles nicht mehr? Fast alle Geheimnisse entschlüsselt, sogar das menschliche Genom, wir wissen, warum wir nicht von der Erde fallen können (Schwerkraft), woher Krankheiten kommen, warum die Sonne aufgeht….

Wahrscheinlich gibt es eine Generation, die durch Negativerfahrungen mit der Kirche die Nase voll hat, von dem Thema.

 

"Wer Gott aufgibt, löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandern." (Christian Morgenstern)

 

Das ist noch nicht lange her, da wurden Leute die Yoga praktizierten mit einer Sekte verglichen und Qi Gong oder Meditation als Esoterik lächerlich gemacht. Heute erleben wir eine Öffnung: jahrtausendealtes Wissen aus Indien (Yoga, Ayurveda) und aus China (Qi Gong, Tai-Chi, TCM) hat die Gesundheitslandschaft in unserer Welt bereichert. Jack Kornfield hat buddhistischen Prinzipien in seinem Buch „das weise Herz“ für westliche Menschen verstehbar gemacht. Das Verdienst von Jon Kabat-Zinn war es, die Lehre vom Zen- Buddhismus religionsfrei in sein 8 Wochen Achtsamkeitstraining zu übertragen und in eine Form zu bringen, die für viele, die mit Religion nichts zu tun haben wollen, einen Zugang schafft zu Meditation. Das ist jetzt Standard als Angebot in den Rehakliniken!

 

Es gibt kein gutes oder schlechtes Meditieren; es gibt nur das Gewahrsein oder den Mangel an Gewahrsein dafür, was in unserem Leben vor sich geht.
- Charlotte Joko Beck, Einfach Zen

 

Diese Entwicklung hat einen Raum geschaffen, dass sich nun Menschen und Wissenschaftler mit der Frage beschäftigen, was hat gelebte Spiritualität für Auswirkungen auf mein Leben und auf meine Gesundheit? In der Charité in Berlin werden von Dr. Tanja Singer buddhistische Mönche ins MRT geschickt, um herauszufinden was bei Meditation im Gehirn passiert. 2011 fand in Bad Tölz eine Tagung statt „Spiritualität transdisziplinär“ initiiert von der LMU in München. Das sind nur zwei kleine Beispiele, wie seriöse Wissenschaftler eine Annäherung an ein Thema suchen, das sich schwer greifen lässt.

Die Begriffsbestimmung allein lässt die Gelehrten verzweifeln: die einen verstehen unter Spiritualität eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung, die anderen definieren Spiritualität als positiven Grundwert und als eigene existentielle Dimension des Menschseins. (vergleiche Büssing und Steinmann S. 42)

 

Eine ungeheure Erscheinungsvielfalt und Diskussionen um Definitionen, was eigentlich Spiritualität ist, erschweren die Forschung.

 

In letzter Konsequenz entzieht sich Spiritualität als Erfahrung sprachlicher Erfassung und Vermittlung und ist nicht, wenn überhaupt nur negativ definierbar.

- Dr. Ralf Marc Steinmann

 

Das klingt nicht besonders ermutigend, schafft es doch eine ehrliche Basis für weitere Erkundungen.

Wenn man es nicht fassen kann und nicht messen, wozu machen wir uns die Mühe?

Ein paar Fakten:

Religion und spirituelle Praxis strukturiert unser Leben und gibt uns einen Rahmen, die Jahreszeiten zu erleben. Diese Struktur, mit ihren Festen und Ritualen, gibt auch unserer Seele Halt. Nicht ohne Grund wurde in der ehemaligen östlichen Bundesländern, die Feier der Konfirmation durch eine Jugendweihe ersetzt. Viele Menschen verspüren die Notwendigkeit, den Übergang in das Erwachsenenalter bewusst zu gestalten. Sehr beliebt sind Kirchen auch, wenn es um Eheschließung und Beerdigungen geht, auch hier gibt es eine Sehnsucht, Übergänge im Leben achtsam zu begleiten. Dieses Bedürfnis und Wirkweise wird oft unterschätzt.

 

Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg. (Pater Willigis Jäger, Benediktiner-Mönch und Zen-Meister)

 

Was konnten die Forscher bisher zum Thema Auswirkungen von gelebter Spiritualität auf Gesundheit finden?

 Es gibt einige hundert Studien, die belegen, dass Achtsamkeit und Meditation, also die Hingabe, das Aufgehen in etwas Höheres, Größeres als wir, einen positiven Effekt auf unser Beruhigungssystem hat. „Eine Wirkung der Achtsamkeitsübungen ist gut nachgewiesen für:

1. die Steigerung der Aufmerksamkeitsregulation,

2. die Vertiefung des Körper-Gewahrseins und damit eine Verbesserung des eigenen gesundheitsfördernden Verhaltens,

3. die Wahrnehmung der Gedanken und Grübeleien und gleichzeitig ein besserer Umgang damit und die präventive Wirkung u.a. für Depressionen,

4. die Veränderung im Umgang mit Gefühlen, besonders mit schwierigen Gefühlen.“

Quelle Internet, MBSR Verband.

 

Weiterhin ist es, genau wie beim Placebo Effekt, erwiesen, dass spirituelle Praktiken, die Ausschüttung von körpereigenem, endogenen Morphium ermöglichen.- Erstaunlich, dass dadurch sogar Gehirnmuster verändert werden können. Das kann bei schmerzbezogenen Krankheitsprozessen wichtig werden und auch für die Stärkung unseres Beruhigungssystems.  Durch Entspannungstechniken können wir eine Verlangsamung unseres Stoffwechsels bewirken und die Atemfrequenz beruhigen. Dabei werden körpereigene, endogene Opiate freigesetzt und Stickstoffmonoxid, der wiederum ist eine Antagonist zu unseren Stresshormonen.

 „-Wir gehen davon aus, dass spirituelle Erfahrungen und Praktiken wie Gebet, Meditation, Kontemplation…- insbesondere über die Induktion von Belohnungsmechanismen und die physiologische Entspannungsantwort schmerz- und stressreduzierend und damit gesundheitsförderlich wirkt.“ - Dr. Tobias Esch, Gesundheitswissenschaftler u.a in Harvard

 

„Beten sie regelmäßig“?

 Viele wären geschockt, wenn sie diese Frage, von einem Arzt gestellt bekämen. Gibt es doch Hinweise, wieviel resilienter Menschen sind, die regelmäßig beten oder leichter ihre Krankheit in ihr Leben integrieren. Genau wie Schmerzen oder Blasenstörungen bei MS, jahrelang nicht abgefragt wurden, wird auch diese Thema vernachlässigt, wie ein blinder Fleck in der Landkarte der Gesundheitsmitarbeiter. Ein blinder Fleck, der lange Zeit in Forschung und Behandlung von kranken Menschen nicht gesehen wurde.

Dr. Nico Kohls (LMU München) bezeichnete auf der Tagung in Bad Tölz nichtgelebte Spiritualität sogar als unterschätzten Risikofaktor für unsere seelische Gesundheit.  Könnte doch vielleicht eines Tages, genau wie Mitgefühl, spirituelle Praxis ein Vorhersagefaktor für seelische Gesundheit sein! Gesellschaften, deren spirituelle Traditionen nicht mehr in Takt sind, zerbrechen leichter und verarbeiten gesellschaftliche Umbrüche schlechter. Wie zerstörerisch die Auswirkungen sind, wenn man einem Volk seine Traditionen, Glauben und Sprache nimmt, waren nicht nur bei den indigenen Völkern der USA zu beobachten.

Dr. Ernst Pöppel versteht Meditation und Beten als möglichen Befreiungsversuch.

Befreiungsversuch in dem Sinn, dass wir jeden Tag zigtausende von Gedanken produzieren, dieses Getrieben sein wird durch Beten und Meditation unterbrochen. Eine Befreiung unseres Bewusstseins aus der dauernden Besetztheit mit Gedanken und Gefühlen (vergleiche „Spiritualität transdisziplinär“ S.7)

Auch in unserer christlichen Tradition gibt Meditative Versenkung, z. B das Herzensgebet.

Für mich existiert ein großer Unterschied zwischen körperlich Gesund sein und Heil- werden. Ich hatte Kontakt zu einer Gruppe aus Balletttänzern, jeder ausgestattet mit einem perfekten Körper und doch konnte ich beobachten, und ich spüre heute die Gänsehaut, die ich hatte, wie sie sich mit unerbittlichen Härte antrieben zu üben, die Unzufriedenheit über kleinste Unvollkommenheiten, mit der sie sich geißelten.

Auf der anderen Seite liebe MS Patienten, die trotz schwerer Spastik und Betroffenheit, in ihrem Blick jedoch eine große Gelassenheit, Würde, Liebe und Mitgefühl tragen. Wer ist gesünder, wer ist auf einem heilsamen Weg?

 

 Wende deinen Blick nicht ab.

Schau weiter auf die verbundene Stelle.

Dort kommt das Licht in Dich hinein.

Rumi

 

Spiritualität kann auch eine Ressource sein, meinem Leben Sinn und Bedeutung zu geben, Zusammenhänge zu verstehen, mich mit der eigenen Lebensgeschichte auszusöhnen, um nicht zu verbittern. Dieser aktive Gestaltungs- und Heilungsprozess, kann unserem Herzen, tief in unserem Inneren, ein bisschen mehr Platz geben und so Raum schaffen für Vergebung und Frieden.

 Wo die Zeit nie hinkam, wo hinein nie ein Bild leuchtete, in dem Innigsten und Höchsten der Seele schafft Gott seine Welt." (Meister Eckhart)

 

Jetzt kommt sie wieder die Zeit, die Tage werden kürzer und die längste Nacht lässt uns fast den Glauben an den nächsten Sommer verlieren, eine Zeit, in der die Tore zu anderen Welten durchlässiger werden. Sogar eingefleischte Atheisten feiern Weihnachten, zünden in einer Kirche eine Kerze an, für geliebte Menschen und feiern die Geburt des Lichts.

Ich bin zwar keine Kirchgängerin, aber wenn ich verzweifelt bin, hilft es mir zu beten.“

Ob an Weihnachten oder bei der Geburt eines Kindes oder beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, wir alle spüren, es gibt noch etwas anderes als diese sichtbare Welt.

Gelebte Spiritualität, gelebter Glauben sind für uns so wichtig wie atmen.

 

Ein Glaube, der uns Heilung und Vertrauen schenkt inmitten der Stürme unseres Lebens, Licht inmitten des Dunkels im diesem Winter, uns unterstützt, damit wir unsere Berge versetzen können.

Was wünsche ich Ihnen? Dass Sie sich auf der Suche nach einer transzendenten Welt, ihren inneren Raum erhellen und Heilung finden können.

 

Ihre Martina Dismond

 

Literatur

Büssing, Kohls „Spiritualität transdiziplinär“

 

Ein Tor hinaus

für unser Empfinden und Erleben Worte finden

"Heute haben wir die Extemporale rausbekommen: 4!!!  Mutti hat arg geschimpft. (viel zu sehr) (großer Krach). Ich weiß ja selber, dass ich mehr lernen muss, aber nun hat sie wieder mit Partyverbot gedroht, wo ich doch so wenig fortgehe...."

 

Tagebucheintrag 2.6.1978

 

So naiv diese Sätze klingen, im ersten Tagebucheintrag meines Lebens, habe ich doch meine Überlegungen als 13- Jährige niedergeschrieben und mir viele Gedanken gemacht, nicht nur über mein eigenes Leben.

 

"Habe mir den Film "Jesse James" angeschaut: was für eine Ungerechtigkeit! Er wurde verraten, für eine Belohnung und hat seine Frau und seinen Sohn doch so geliebt! Er wollte neu anfangen. Manchmal denke ich, warum lässt Gott eine solche Ungerechtigkeit zu? Ich weiß es nicht und bin verzweifelt. Warum ließ Gott Hiroshima geschehen?- Ich begreife es nicht- bis morgen" 3.6.1978

 

 

Über das Schreiben zu schreiben ist etwas sehr Persönliches für mich, ich lade Sie heute ein, mit mir über etwas nachzudenken, was für mein Leben sehr förderlich war und noch heute für mich von unschätzbaren Wert ist. Seit Jahrzehnten, schreibe ich Tagebuch in unterschiedlichen Formen, immer ist es der Wunsch herauszutreten aus meiner inneren Welt, einen Weg zu finden aus der Einsamkeit und Sprachlosigkeit. Mein Tagebuch ist ein Schatz voller Erinnerungen an meine Jugend. Tagebuch schreiben ist ein tiefgehender, persönlicher Prozess und möchte nicht mit dem Blogs und Kommentaren verwechselt werden, die viele Leute, die sich in voyeuristischer und selbstverliebter Art und Weise im Internet zur Schau stellen, veröffentlichen.

 

 

 

Worte zu finden ist gar nicht so einfach, spätestens nach meinen

 

schlechten Deutschnoten wurde mir dieser Wunsch vergällt. Meine

 

Aufsätze in der Schule waren unglaubwürdig und zu

 

phantasievoll, wurde ich doch belehrt: schreiben ist nichts für mich! Und doch konnte niemand dieser Sehnsucht mich mitzuteilen, Einhalt gebieten.

 

Beim Schreiben kann ich tief in mich hineinhorchen und gleichzeitig

 

verbinde ich mich mit der Welt, in Artikeln, Gedichten, Briefen oder Tagebucheinträgen.

 

Schreiben braucht Energie und Mut und kommt nicht ohne Gefühle aus.

 

Viele berühmte und unbekannte Schriftsteller haben sich die Zeit zum Scheiben genommen, für viele war es überlebensnotwendig.

 

 

 

Am besten gefällt mir noch, dass ich das, was ich denke und fühle, wenigstens aufschreiben kann, sonst würde ich komplett ersticken.“

 

16. 3. 1944 Anne Frank

 

Die Isoliertheit dieses Mädchens findet Ausdruck in einem Tagebuch das zurecht Schullektüre für viele Menschen ist und war. Der spontane und eindringlich ehrliche Selbstausdruck von Anne Frank, die mit Selbstzweifeln ringt, und nie Gelegenheit haben wird, Journalistin zu werden, berührt die ganze Welt und lässt uns staunen über jugendlicher Weisheit und Vertrauen.

 

 

Die Nacht ist wie ein großes Haus.
Und mit der Angst der wunden Hände
reißen sie Türen in die Wände -
dann kommen Gänge ohne Ende,
und nirgends ist ein Tor hinaus.

 

Rainer Maria Rilke
(1875 - 1926)

 

Rilke beschreibt hier auf großartige Weise, das Gefühl der Ausweglosigkeit, eingesperrt zu sein, vielleicht auch eingesponnen zu sein, in die eigene Gedanken- und Gefühlswelt- gefangen im eigenen Schneckenhaus.

 

In Zeiten, in denen ich mit niemandem reden kann, wenn der andere mich überhaupt nicht versteht, wenn ich mich in meiner eigenen Familie fremd fühle, oder wenn meine Worte, kein Echo finden, kann ich zumindest mit mir selber in einen Dialog eintreten.

 

 

 

Worthaus I

 

Im Worthaus wohnen

 

Wange an Papierseiten lehnen

 

mit Buchstaben atmen

 

Und hinter Worträtseln

 

verstecken

 

Niemand erwecken

 

Unter Sprachmustern schlafen

 

Die Wort Uhr tickt

 

So friedlich und bestimmt

 

Im Worthaus leben

 

als sei es die ganze Welt

 

Mein (H)eim und alles

 

 

 

Ein Tagebuch kann auch ein Zuhause sein, wie ein Freund, den wir besuchen können, wann immer wir wollen und uns dort, in diesem Raum, geborgen fühlen. Wenn die Unterhaltung mit anderen nicht gelingt ist der Dialog mit mir selbst, der erste Schritt.

 

Wenn ich Tagebuch schreibe, muss ich nichts scheinen, vorgeben oder Theater spielen. Ich kann meinen Schutzpanzer fallen lassen, ich kann offen und frei nach mir selbst, meinem innersten Empfinden und Erleben Ausschau halten.

 

Es müssen nicht immer die großen Fragen "wer bin ich?", "woher komme ich?" und "wohin gehe ich?" gestellt werden. Es sind die kleinen Details, die Nuancen unseres Geistes und unserer Seele, die mich faszinieren. -Die subtilen und leisen Stimmen in mir, die zart wie Schmetterlingsflügel an meine Seele pochen.

 

Mir alles, was mich bewegt von der Seele schreiben, hat etwas Heilsames.

 

Wer nachts oft wachliegt, weiß wovon ich spreche: endlose Gedanken schleifen, die uns quälen, wenn wir Sorgen haben oder eine Erlebnis mit dem wir nicht fertig werden.

 

"Einfach" aufschreiben und diese furchteinflößenden Grübeleien sind wie durch Zauberhand gebannt- zumindest für eine Weile.

 

Laut Studienlage kann das Schreiben uns helfen uns emotional zu entlasten,

 

kann depressive Symptome lindern und sogar das Immunsystem stärken.

 

Nach dem Schreiben verbrachten Probanden wesentlich mehr Zeit mit anderen. Sie sprachen mehr mit ihren Freunden, gaben sich dabei optimistischer und benutzten häufiger das Wort "wir" statt "ich". Man könnte sagen, sie hatten sich der Welt zugewandt,...[1]

 

 

Auch Astronauten wurden gebeten Tagebuch zu führen, um die lange Zeit im Weltall, isoliert von Freunden und Familie, besser zu überstehen. Psychologen kennen diese Wirkung, es gibt eine eigene Therapieform, therapeutisches Schreiben. Der Begründer ist James Pennebaker[2].

 

 

 

Alpträume aufzeichnen oder Briefe schreiben, die wir nie abschicken. Wenn ich mich von einem Menschen nicht verabschieden konnte, kann das wie eine Erlösung sein, nicht alles in mir behalten zu müssen, wie in einem Dampfkochtopf.

 

Durch Schreiben können wir Spannung abbauen. Wir können durch ein bisschen Selbstreflexion vielleicht auch eigenen Schwächen auf die Schliche kommen.

 

Das Erlebte und unsere Gefühle, mit ihrem Eigenleben, können wir so besser in unser Leben integrieren.

 

 

 

Mein Tagebuch soll sein wie eine Reisetasche, in die ich ungeprüft allen Krimskrams hineinwerfe. Wenn ich später nachsehe, ist das Durcheinander wie von Geisterhand geordnet, gesintert zu einem Ganzen, so fest und unnahbar wie ein Kunstwerk – aber so transparent, daß das Licht des Lebens durchscheint.
Virginia Woolf

 

 

 

Auch die kommende Jahreszeit und Jahreswende eignet sich sehr gut für eine Rückbesinnung und Innenschau, vielleicht geht Ihnen ja das eine oder andere Licht auf ;) .

 

 

 

"Meine Tochter (2,5 Jahre) wächst und gedeiht, sie kann schon Fragen formulieren, erhebt den Zeigefinger und belehrt andere- so goldig! Sie will selber Blumengießen, sich selber anziehen, spricht und kommentiert alles, einfach wundervoll!-"

 

10.7.1991

 

 

 

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen einen schönen Advent.

 

Mögen Sie Zeit und Raum für sich selber und für das Licht ihres Lebens finden. Mögen sie ein Tor hinaus finden und viele Schätze ans Licht bringen. Mögen Sie Ihr Herz leuchten lassen und mit diesem Schein viele Menschen berühren.

 

Ihre Martina Dismond

 



[1] aus "Schreib dich frei"

Artikel der Zeit über die verblüffende Wirkung des Tagebuchschreibens.

von Claudia Wüstenhagen

7. April 2016.

 

[2] James Pennebaker: Heilung durch Schreiben. Ein Arbeitsbuch zur Selbsthilfe. Huber Verlag Silke Heimes: Schreib dich gesund. Übungen für verschiedene Krankheitsbilder. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag

 

 

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